Kategorien
Neuerscheinung Rezension

zwischen Chaostagen und Mervenächten

Thomas Edlinger schreibt am 23. Oktober 2020 im Falter 43/2020, der Wochenzeitung aus Wien, über AUFPRALL

Der Falter Wien Rezension T Edlinger

Der Unfall wirft aber niemanden aus der Bahn, weil es gar keine Bahn gibt, aus der diese jungen Leute geworfen werden könnten. Berlin ist noch lange keine durchgentrifizierte Partystadt, aber auch keine gemütliche Kiezgegend mehr, sondern erscheint als eine graue, kalte und harte Stadt voller Möglichkeiten, in denen die Holzbretter aus den Treppenhäusern verfeuert werden und der Hedonismus noch in den Kinderschuhen steckt.

Das Buch erzählt ohne Sentimentalität, mit dem richtigen Maß an Szenejargon und mit nicht zu viel Pathos davon, dass es Zeiten gab, in denen Teile einer vom Kreuzberger Mikroklima beeinflussten Generation alles infrage stellten und viel aufs Spiel setzten. Statt Familien zu gründen, zelebrierte man den aus dem wilden, französischen Denken importierten „Kult des Verrücktseins“. Genährt wurde der Kampf um das Anderssein und dabei Rechthaben mit radikalen Experimenten wie der weitgehenden Zurückweisung von Privatheit und der Dauerkonfrontation mit ideologischen Verbohrtheiten.

Mit dem Merve-Bändchen über das intensive Leben in der Lederjacke konnte man sich eine Zeitlang als genialer Dilettant fühlen, der gefährliche Denker liest und gefährlich lebt. AUFPRALL zeigt, dass es ein solches Leben zwischen Chaostagen und Mervenächten tatsächlich gab.

Es brauchte aber, und das ist ein wesentlicher Unterschied zu den aufmerksamkeitssüchtigen Social-Media-Aktivitäten von heute, keine Dritten, der dem Experiment im real existierenden Leben Applaus spendete. Man machte einfach. Und am Ende dieses Wegs der Deleuze’schen Eier ohne Sinn und Ziel machten sich manche wie Vroni, eine Arbeitertochter aus Wien, einfach kaputt. Sie stirbt, nachdem sie im „Türkenpuff“ anschaffen ging, an einer damals neuen Krankheit namens Aids. Knapp vor ihrem Tod wünscht sie sich Heurigenlieder von denen, die für sie da waren oder einfach da waren. Für immer Punk eben.

Kategorien
Neuerscheinung Rezension

Geordnete Rebellion mit Putzfrau

eine Rezension von Katharina Teutsch in der FAZ Literatur am 22. Oktober 2020

Rezension FAZ Katharina Teutsch

Wie Bude, Munk und Wieland die Stimmung der frühen achtziger Jahre heraufbeschwören, hat den Sog des unwiederbringlichen Ausnahmezustands. Es ist alles dabei: von Diskussionen, ob man das Haus eines jüdischen Spekulanten besetzen darf, über den Schrecken von Tschernobyl bis hin zu Lebensstilexperimenten rund um die Themen Liebe, Sex, Familie („Wir mussten das Kunststück vollbringen, vollkommen desillusioniert über die Liebe zu denken, ohne sie überhaupt erlebt zu haben“). Das Autorenkollektiv berichtet aus einer Zeit produktiver und unproduktiver Unruhe, von der es oft heißt, wer wirklich dabei gewesen sei, könne sich nicht mehr daran erinnern.
Von wegen!

Kategorien
Neuerscheinung Rezension

Im Schlampenchick durch die Achtziger Jahre

Rezension AUFPRALL von Jens Uthoff in der TAZ berlin kultur
vom 16. Oktober 2020

rezension taz 16.10.2020 Jens Uthof
foto Paul Glaser

Für Luise hinterlässt ihr Tod einen „ziehenden Schmerz“, ein „zugiges Loch“: „Die Alltagssoyara, die praktische Soraya, die mutige Soraya, die Kopfwehsoraya, die Motorradsoraya, die schnell sprechende Soraya, die radikale Soraya, die lachende Soraya, die müde Soraya“, sie fehlt ihr sehr. AUFPRALL ist somit mehr als ein Denkmal für eine nicht mehr existente Stadt, in der alles und nichts möglich war. Es ist auch ein Denkmal für die reale Person hinter der Figur So-raya. Und ein Porträt einer Generation, die an die Kraft des Kol-lektivs geglaubt hat und die bis heute von diesen Erfahrungen profitiert.

Kategorien
Neuerscheinung Rezension

Es war die beste Zeit

Interview Heinz Bude, Bettina Munk, Karin Wieland in der Freitag vom 15. Oktober 2020 mit Ute Cohen

der Freitag Interview 15. 10. 2020

Ute Cohen: Luises Zeichnungen sind „wie Punk­Töne und Pogo­Tanzen“. Furcht und Dis­tanz gibt es nicht. Herrscht heute nicht das Gegenteil vor und wie zeigt sich das in der Kunst?

Munk: In der Kunst zeigt sich das, indem man sich in der Praxis immer an Themen und Linien ab­arbeitet. Das war damals sehr viel freier. Es gab zwar eine große Ratlo­sigkeit, aber auch eine große Kreativität. In Berlin landete man im „Laden für nichts“, wo nie eine Preisliste auslag, während man im Rheinland sehr viel mehr auf den finanziellen Erfolg hinarbeitete.

Wieland: Das Leben knallte an einen heran. Die Zeichnungen im Buch stammen aus einer poli­tisierten Zeit, nach der man sich heute sehnt. Das ist natürlich keine Politkunst, aber gezeigt wird eine Gruppe, in der die Kunst im Leben passierte. Das Kollaborative war nicht Programm, sondern Wirklichkeit. Das haben wir mit der geteilten Autorschaft des Romans fortgeführt.

Bude: Die Kunst will heute kritische Praxis stiften. Die Kunst, die Luise machte, war aus der kritischen Pra­xis entstanden.

Kategorien
Neuerscheinung Rezension

Berlin ist eine Stadt, um zu scheitern

Berliner Zeitung Feuilleton am 7. Oktober 2020
von Harry Nutt

Berliner Zeitung feullieton

Bude: Wir haben nicht Satz für Satz gemeinsam geschrieben. Das Buch ist durchaus auch in der jeweiligen Einsamkeit am Schreibtisch entstanden. Beim kritischen Zusammenfügen sind wir sehr vorsichtig miteinander umgegangen. Wir haben uns viel Raum gegeben und nach Berührungspunkten gesucht. Das war übrigens auch ein Teil des Experiments, das aus der im Buch beschriebenen Lebensform hervorgegangen ist, einer Mischung von Kunst, Alltag und Theorie.

Munk: Man darf nicht vergessen, dass es eine sehr bilderlose Zeit war. Man hatte als Künstlerin eine große Freiheit, selbst etwas zu entwickeln. Die Filme, die wir machten, waren radikal und anarchistisch. Es gab keine Ästhetik, an der man sich wie heute über YouTube entlanghangeln konnte.

Wieland: Wenn etwas mit der heutigen Situation vergleichbar ist, dann ist es die Erfahrung, dass es keine rationale Handhabe, keine Bedienungsanleitung gibt. Bei Tschernobyl war man sich selbst überlassen. Die Einzelnen wussten nichts und die Regierungen wussten auch nichts. Katastrophenbewusstsein kann man nicht lernen.

Kategorien
Neuerscheinung Rezension

Es gab Kohl und es gab Derrida – und gegen Kohl waren viele

im Tagesspiegel Kultur am 7. Oktober 2020
von Gerrit Bartels

tagesspiegel kultur 7. oktober

Natürlich bleibt es nicht aus, das in dem Gespräch mit den dreien die konkrete, erlebte Vergangenheit gestreift wird, die fiktiven Grenzen und das Faktische verschwimmen. Bude, Munk und Wieland erinnern sich an „harte“ Absturzläden wie das Ex’n’Pop oder das Risiko, an den „irgendwie überflüssigen“ Dschungel, an einen Lieblingsladen wie den Bierhimmel

Oder an das Andere Ufer in Schöneberg, „das eigene Vertrauen, die eigene Stärke, die man darin hatte“, wie Bude sagt. „Wenn da eine Nina Hagen hereinkam oder irgendein ein anderer Szene-Prominenter – Bowie habe ich da übrigens nie gesehen –, dann sagte man sich: Das kann ich auch!“

Karin Wieland wiederum weist darauf hin, dass dieses West-Berlin nicht zuletzt kaum zu verstehen gewesen sei ohne die prägenden intellektuellen Figuren jener Zeit: den Religionssoziologen und Philosophen Jacob Taubes, den an der FU lehrenden Philosophen Klaus Heinrich, den Besitzer der Heinrich-Heine-Buchhandlung im Bahnhof Zoo Hans Brockmann oder die Welt des Merve Verlags und seiner Gründer Peter Gente und Heidi Paris.

Auch der weibliche Chor erlaubt eine präzisere Perspektive auf die alles andere als ausgeglichenen Geschlechterverhältnisse jener Zeit. Wie überhaupt Kreuzberg was enorm Widersprüchliches hatte: hier eine kleine, letztendlich auch provinzielle Welt. Und dort, wie Bettina Munk sich erinnert: „Man konnte alles machen, was in dieser Offenheit nirgendwo anders möglich war.“

Kategorien
Neuerscheinung Rezension

Kess und militant

Besprechnung AUFPRALL in der
Süddeutschen Zeitung vom 1. Oktober 2020
von Christoph Bartmann

Der Roman legt nahe, dass sich in der Hausbesetzerszene (die Autoren eingeschlossen) die besten Köpfe ihrer Generation getroffen haben, jedenfalls Leute, die Risiken eingehen, und die für ihre Risikobereitschaft auf Dauer lohnendere Ziele entdecken als die Säuberung leer stehender Häuser von Taubenkot.

Die Generation Aufprall lebt von der Vorstellung, Avantgarde zu sein. Dazu gehört die falsche und im Roman kritisierte These, der Rest der Welt sei irgendwie rückständig und werde sich ohne die vorauseilende Kreuzberger Militanz nicht entwickeln. Man bleibt in diesem Milieu gerne unter sich. Aus Westdeutschland ist man geflohen, Ostberlin und die DDR existieren lange fast gar nicht, und auch der Rest der Welt tut sich erst auf, als irgendwann Flüge aus Schönefeld zu exotischen Destinationen führen. Dieser Generationenroman weist eine hohe Ortsspezifik auf. So wie es in Westberlin war, war es nicht in Frankfurt, Hamburg oder Düsseldorf, von Ostberlin ganz zu schweigen. Länger als anderswo hält sich in der „Frontstadt“ der Mythos vom politischen Widerstand. Kein „Lifestyle“ weit und breit, und auch das Wort „Gentrifizierung“ kennt man nicht. Weil aber die Berliner Wohnungsfrage bis heute unbeantwortet ist, sind die Motive des damaligen Aufruhrs bis heute nicht obsolet geworden.

Kategorien
Neuerscheinung Rezension

Ein ziemlich ernstes Spiel

in DIE ZEIT vom 17. September 2020 schrieb Alexander Cammann über einen langen Spaziergang mit Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland aus Anlass der Neuerscheinung von AUFPRALL

DIE ZEIT Alexander Cammann ein ziemlich ernstes Spiel

Und die drei waren dabei. Fast 40 Jahre später haben sie darüber einen Roman geschrieben – zu dritt, als „Kollektiv“, wie man früher sagte.

Erstaunlich ist dieser Hausbesetzer-Roman Aufprall in mehrfacher Hinsicht. Für jeden der drei ist es das erste Mal Prosa: Bettina Munk ist Künstlerin und lebt nach einer New Yorker Zeit in Berlin.
Karin Wieland hat Sachbücher geschrieben (darunter eins über Leni Riefenstahl und Marlene Dietrich sowie eins über die moderne Frau bei Brecht und Hofmannsthal). Ihr Mann Heinz Bude ist als Soziologe seit vielen Jahren origineller Analytiker der deutschen Verhältnisse; es gibt kaum ein Phänomen seit 1945, das vor seinen Deutungen sicher wäre. Nun plötzlich ein Romandebüt, was auch für einen einzelnen Menschen um die 60 schwer genug ist – wie schreibt man aber so etwas zu dritt? „Die Jüngeren reden momentan immer vom kollaborativen Arbeiten – wir wollten damit einfach schon mal anfangen“, sagt Karin Wieland lächelnd.